Bericht zur ökologischen Exkursion an die renaturierte Emscher in Dortmund-Mengede / Stadtgrenze Castrop-Rauxel am 26.9.2020

Der 2.Vorsitzende des BV-Umwelt, Diplom-Umweltwissenschaftler Jörg Drewenskus, führte die Gruppe entlang der Emscherrenaturierung in Dortmund-Mengede. Er gab zunächst eine Übersicht zum 1992 begonnenen ökologischen Umbau des Emschersystems.

Fotos: Martina Stengert

Die Emscher war bis 1900 in Dortmund ein kleiner Bach, der sich erst in Dortmund-Mengede zu einem kleinen Fluss wandelte. Die Emscher entspringt in Holzwickede, Kreis Unna, und mündete bei Duisburg nach 109 km in den Rhein. Sie war ursprünglich ein sandgeprägter Tieflandfluss, mit geringem Gefälle, der sich mit geringer Fließgeschwindigkeit träge mäandrierend durch das große Sumpfgebiet des Emscherbruches, der von Dortmund bis Oberhausen reichte, durch die Landschaft schlängelte. Die Chronisten berichteten im Mittelalter von der Emscher als einem sehr sauberen und fischreichen Fluss. Im Zuge der Industrialisierung wurden ab 1850 zunehmend gänzlich ungereinigte Abwässer in die Emscher eingeleitet. Parallel zur dieser Entwicklung explodierten die Bevölkerungszahlen im Ruhrgebiet, am Beispiel von Dortmund waren das 1803 nur 4500 Einwohner, bis 1895 war die Zahl schon auf 100.000 gestiegen und erreichte nach 1908 schon die 200.000 Marke. Die Einleitungen dieser häuslichen Abwässer sowie die von Bergbau, Stahlwerken und Brauereien führten vor 1900 zu katastrophalen Verhältnissen in der Emscherniederung. Die Selbstreinigungskräfte des Emscherflusses waren völlig unzureichend und die einsetzenden Bergsenkungen sorgten dafür, dass sich über große Flächen im Norden der Städte Dortmund, Herne und Essen große Abwasserseen bildeten von denen große hygienische Gefahren ausgingen, so dass tatsächlich Typhus-, Ruhr- und Choleraepidemien ausbrachen, die wir heute nur noch aus Schwellenländern in Asien und Afrika kennen. Zur Behebung dieser Missstände wurde daher 1899 die Emschergenossenschaft in Essen gegründet, die fortan für den Abfluss und Reinigung der Emscher zuständig war. Dazu wurde die Emscher in ein gestrecktes und betoniertes Bett gezwungen. Damit wurde ein zentrales Abwassersystem im Ruhrgebiet geschaffen. Die Emscher und ihre Nebengewässer führten alle Abwässer vor allem aus dem nördlichen Ruhrgebiet Richtung Rhein ab, während die Ruhr als Trinkwasser-Lieferant ausgebaut wurde. Der Bau von entsprechenden unterirdischen Abwasserkanälen schied wegen der imensen Bergsenkungen im Gebiet aus. Bis in die 1980er Jahre sind Bereiche im Dortmunder Norden bis zu 18 m abgesagt. Der Bevölkerung wurde so über fast 100 Jahre ein offenes, geruchsintensives, gefährliches Abwassersystem, das auch durch Siedlungen führte, zugemutet. Je nach Wetterlage ergaben sich durchaus sehr starke Geruchsbelästigungen.

Mit der Nordwanderung des Bergbaus und dem Abklingen der Bergsenkungen im Emscherraum konnte in den 1990er Jahren mit dem Bau von unterirdischen, parallelen Abwassersammlern entlang der zuvor offen geführten Abwasserbächen begonnen werden, die sogenannte Entflechtung in Reinwasserläufe = Bäche und abwasseraufnehmenden, unterirdischen Kanälen. Der Umbau des Emschersystems ist daher eigentlich ein gigantisches Kanalbauprogramm, das bis Ende 2021 abgeschlossen werden soll und ein Investitionsvolumen von 5,38 Milliarden € haben wird. Dabei entfallen tatsächlich über 95 % der Kosten auf die Erstellung der unterirdischen Kanalsysteme. Allein der Haupt-Abwasser-Kanal-Emscher (AKE), der auf weiten Strecken als Doppelröhre mit einem Rohrinnendurchmesser von 2,80 m gebaut wird und in Tiefen von 10-30 m verläuft, um dann wir durch Pumpwerke an die Oberfläche geholt zu werden, ist eine gigantische ingenieurtechnische Leistung. Die weiterhin anfallenden Abwässer werden zentral in Dortmund, Bottrop und vor Mündung der Emscher in den Rhein geklärt. Die Emscher selbst ist heute von der Quelle bis Dortmund-Deusen abwasserfrei. Bis 2021 ist der Hauptlauf der Emscher dann auch bis zur Mündung Schmutzwasser frei.

Das Hochwasserrückhaltebecken Dortmund Mengede wurde in den Jahren 2010-2013 erstellt. Dazu war ein Bodenabbau von 1,5 Million m³ erforderlich, was dem sechsfachen Volumen des Phoenixsees entspricht. Derzeit ist noch ein Zwischenzustand sichtbar bei dem drei Becken bei Starkregen-Ereignissen eingestaut werden, indem ein zentrales Sperrbauwerk schlossen wird. Dies ist notwendig weil im Emscherraum eine hohe Siedlungsdichte vorherrscht, die bei Regen kaum noch Versickerung zulässt, sodass sich bei anhaltenden Regenfällen regelrechte Flutwellen in die Emscher ergießen und diese in entsprechenden Speicherbecken zurückgehalten werden müssen, um nicht die unterhalb liegenden Städte Castrop-Rauxel und Herne zu überfluten. Die heutigen Becken weisen eine unregelmäßige Geometrie auf wurden sehr naturnah gestaltet und weisen eine naturraumtypische Vegetation auf, die sich in den letzten Jahren quasi von selbst, als Ergebnis der natürlichen Sukzession einstellen konnte. Wir finden hier ausgedehnte Weiden- und Röhricht-Zonen im Wechsel mit dauerhaften Wasserflächen sowie Magerstandorten an den Böschungen. Diese Wasserflächen sind heute zu einem Hotspot der Vogelwelt geworden. Vor allem in den Vogelzugzeiten, d. h. im Frühjahr und Herbst, finden sich hier Tausende von Zugvögeln ein. Als Raritäten konnten der Alpenstrandläufer, der Sand- und Flussregenpfeifer, der Kampfläufer, der Eisvogel, die Bekasine, die Eiderente, der Regen-Brachvogel, der Rotmilan, die Rohrweihe, der Rotschenkel sowie der Weißstorch gesichtet werden. Im Endzustand wird die bisher noch geradlinig durch die Becken verlaufende Emscher einen geschlängelten Verlauf durch die Becken nehmen und dauerhaft durch eine neue, künstlich angelegte Auenlandschaft, eine sogenannte Sekundäraue, fließen. Damit wäre an dieser Stelle die Herstellung der größtmöglichen Naturnähe für die Emscher erreicht, was die Emschergenossenschaft als ökologischen Schwerpunkt bezeichnet.

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